Buchtipp

Wesen des Menschen und richtiges Handeln

Von Uta Luise Zimmermann-Krause

Mit seinem aktuellen Werk „Ungeheuer ist der Mensch – Eine Geschichte der Ethik von Sokrates bis Adorno“, erschienen im Verlag C.H. Beck, stellt der renommierte Publizist und Philosophiedozent Volker Spierling elf grundlegende ethische Positionen vor im Kontext mit Sokrates, Platon, Aristoteles, Seneca, Augustinus, Hume, Kant, Hegel, Schopenhauer, Nietzsche sowie Adorno. Chronologisch betrachtet, werden die Grundlagen der europäischen Ethik in der Antike gelegt, die sich als Teilbereich der Philosophie mit Fragen des sittlichen Handelns und der Moral befasst.

Sei zweitausend Jahren gehören Metaphysik und Metaphysikkritik zur internen Entwicklung der Philosophie. Die chronologisch angeordneten Kapitel werden mit Stickworten zu Leben und Werk der Philosophen eingeleitet. Es werden ihre Verflechtungen mit dem Geschehen der jeweiligen Zeitepoche sowie die Bedeutung der Schriften hervorgehoben.  Von Mythos ist die Rede, wenn es um die Grundlage des griechischen Daseins geht. Die Götter- und Heldengeschichten, wie sie von Homer, Hesoid oder im Sagenstoff um Orpheus auf uns kommen, spiegeln existentielle Grunderfahrungen des Menschen und verdeutlichen die bildhafte Vorstellungswelt dieser Mythen als starke Begierden, tiefe Leidenserfahrung oder auch schuldhafte Selbstbehauptung des Menschen gegenüber Göttern. Und so kann die Welt der griechischen Mythen als eine Vorform der Philosophie verstanden werden. Sieben von Legenden umrankte halbmythische Persönlichkeiten, Denker, Staatsmänner (die sieben Weisen)  lebten um die Wende vom 7. zum 6. Jahrhundert v. Chr. Auf sie gehen lapidare Spruchweisheiten wie „Erkenne dich selbst“, oder „Nichts zu sehr“, oder Gefährlich ist vorschnelles Wesen“, zurück. Ein Wandel bahnt sich im 6. Jahrhundert v. Chr. in den griechischen Kolonien an und führt zu einer tiefgreifenden und langwierigen Revolution des Geistes – vom Mythos zum Logos – und meint das freie Denken. Die ersten vor Sokrates (* um 470  v. Chr. - † 399 v. Chr.) lebenden Philosophen sind Denker und erforschen die Natur. Sie suchen die Natur mit einem noch nie dagewesenen Modell des Erklärens geistig zu durchdringen, zu erforschen. Von ethischer Bedeutung ist Pythagoras (6. Jh. v. Chr.). Der Ordensgründer und Mathematiker lehrt die Unsterblichkeit der Seele und die Seelenwanderung, die er von den orphischen Mysterien übernimmt. Jahre später behauptet Parmenides als Mitbegründer der abendländischen Metaphysik: „Wo Denken ist, ist Sein“. Denken und Sein sind dasselbe. Im Zentrum der klassischen Philosophie stehen Sokrates, Platon und Aristoteles. Und als Wanderlehrer bringen die Sophisten erstmals die Philosophie nach Athen. Sie sind die Lehrer Griechenlands und bieten geistige Erziehung gegen Bezahlung an. Ihr neues pädagogisches Konzept bildet für die nächsten 2000 Jahre die Grundlage für den abendländischen Bildungskanon der sieben freien Künste oder Wissenschaften, denn das Wort gilt als Waffe. Antiphon sagt: „Das Wichtigste auf der Welt ist nach meiner Meinung die Erziehung.“ Antiphon vertritt eine entschieden demokratische Position und ist aufgrund seines Naturbegriffs von der Gleichheit und Gleichberechtigung aller Menschen überzeugt. Er lässt uns wissen: „Die von vornehmen Vätern abstammen, achten und verehren wir, die dagegen nicht aus vornehmem Hause sind, achten und verehren wir nicht. Hierbei verhalten wir uns zueinander wie Barbaren, denn von Natur aus sind wir alle in allen Beziehungen gleich geschaffen, Barbaren und Hellenen. [...] Atmen wir doch alle insgesamt durch Mund und Nase in die Luft aus.“ Doch die griechische Aufklärung erschüttert die traditionelle Sittlichkeit, denn es vollzieht sich eine gesellschaftliche Entfesselung des individuellen Meinens, deren Kritik vor nichts Halt macht. Es kommt zu Scheinweisheiten, zu manipulativen Steuerungen des Denkens durch Kunstgriffe, die die Sophisten in Misskredit bringen. Aus der Ausbildung zur Beredsamkeit wird eine formale Überredungskunst, und mit scheinbarer Weisheit werden Geschäfte gemacht.

Die Einzigartigkeit dieser Lektüre und umfassenden Abhandlung zur mehr als zweitausendjährigen Entwicklung der Philosophie macht deutlich, dass die Denker stets zeitgemäß ihre Fragen zum Warum, zum Dasein des Menschen, seinen Werten, Aufgaben, seinem Wesen, gestellt und entsprechend ihren Möglichkeiten beantwortet haben. Ist der Mensch ein grässliches, unfassbares Ungeheuer oder ein sanftmütiges, einsichtiges Wesen? Diese Frage lässt der Autor den elf Denkern in seinem Buch „Ungeheuer ist der Mensch – Eine Geschichte der Ethik von Sokrates bis Adorno“ beantworten. Mit Theodor W. Adorno (* 11.9.1903,  † 6.8.1969) finden die Betrachtungen einen neuzeitlichen gedanklichen Abschluss, den der Philosoph und Musikwissenschaftler beschreibt: „Wir mögen nicht wissen, was der Mensch und was die gerechte Gestaltung der menschlichen Dinge sei, aber was er nicht sein soll und welche Gestaltung der menschlichen Dinge falsch ist, das wissen wir, und einzig in diesem bestimmten und konkreten Wissen ist uns das Andere, Positive, offen.“ Die Welt ist keine logische, sondern eine Welt voller Widersprüche, so das spannende Fazit der  Betrachtungen.

Volker Spierling,
Ungeheuer ist der Mensch – Eine Geschichte
der Ethik von Sokrates bis Adorno.  
428 Seiten, 13,9 x 21,7;
gebunden, Schutzumschlag,
Verlag C.H.Beck, 2017,
ISBN 978-3-406-70418-5  
Verkaufspreis: 26,95 EUR