Buchtipp

Unter dem Jüngsten Gericht

Von Uta Luise Zimmermann-Krause

In seinem neuesten Buch «Konklave – Die Geheimnisse der Papstwahl» erläutert der renommierte Kirchenhistoriker Hubert Wolf, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Münster, wie Riten, Optionen und Orte für die Wahl eines Papstes sich über Jahrhunderte wandelten, obwohl das Amt des Papstes dem Grunde nach unverändert blieb.

Dem Autor gelingt es überzeugend, die spannende Geschichte der Papstwahl nicht nur aus kirchlicher Sicht zu rekonstruieren, sondern er stellt das Thema gekonnt auch in den weltlichen Kontext. Die Wahl eines neuen Papstes fasziniert noch heute die Menschen, egal welcher Religion sie angehören oder gar Atheist sind. Der mächtigste Mann als Stellvertreter Christi ist vom religiösen Mythos umgeben, dem die Menschen gern erliegen, denn der Glaube an unsichtbare christliche Gewalten hat etwas Schön-Schauriges an sich. In rund zehn Kapiteln führt der Autor seine Leser durch die Geschichte der katholischen Religion, in der zumindest Rom im Mittelpunkt stand. Rauchzeichen vermitteln den Außenstehenden den Stand der Dinge im Innern der Sixtina, nachdem der Ruf «Extra omnes!» verhallt ist, denn alle Anwesenden, die nichts mit der Wahl zu tun haben, müssen die Sixtinische Kapelle verlassen. Diese Wahl ist geheim und die Wähler sollen allein mit sich und ihrem Gott versammelt sein unter Michelangelos Jüngstem Gericht in der Sixtina. Das Gemälde mahnt jeden Kardinal, der seine Entscheidung schriftlich abgibt, dass Christus denjenigen strafen wird, der seine Entscheidung eigennützig trifft. Ewige Seligkeit erhalten diejenigen Kardinäle, die Gottes Willen folgen. Und so begibt sich jeder Kardinal – die Reihenfolge entspricht dem Einsetzungsdatum – den Stimmzettel in der erhobenen rechten Hand zum Altar unter Michelangelos Fresko, und sagt, bevor er sein Votum in die Wahlurne legt: «Ich rufe Christus, den Herrn, als Zeugen an, der mein Richter sein wird, dass ich denjenigen wähle, dem ich nach dem Willen Gottes meine Stimme geben muss.» Die geheimste aller geheimen Wahlen soll ein Geheimnis bleiben, auch in tausend Jahren – so will es die derzeit geltende Papstwahlordnung. Ein Kelch dient als Wahlurne. Bewundernswert ist dabei die Inszenierung des Geheimen, die Verzauberung der Welt im Christentum. Immer noch gilt: Wer den Papst hört, der hört Christus. Im Jahr 1274, in Zeiten des Interregnums von Alfons X. von Kastilien und Rudolf I. von Habsburg, wurde das Konklave als Ort der Papstwahl eingeführt. Heutzutage macht die Wahl den Papst, der in einer Liturgie mit den Papstinsignien Fischerring und Pallium ausgestattet wird. Die ideale Bühne für dieses heilige Schauspiel ist der Vatikan, die Sixtinische Kapelle, die Loggia der Petersbasilika, das Petrusgrab unter dem Papstaltar und der Petersplatz, denn es heißt, Jesus Christus selbst habe die Kirche so gegründet, wie sie heute ist. Doch im
4. Jahrhundert wurden auch der Bischof von Rom sowie die Patriarchen von Konstantinopel, Alexandrien, Antiochia und Jerusalem als Papst bezeichnet. Diese fünf Eminenzen bildeten gemeinsam die Spitze der Gesamtkirche und wurden als Pentarchie – Fünferherrschaft - bezeichnet. Im 5. Jahrhundert jedoch beanspruchte der römische Bischof allein den Papsttitel für den Bereich der westlichen Kirche, bis schließlich im
11. Jahrhundert weitere Bezeichnungen wie papa, papatus, Pontifex Romanus, Apostolicus oder Vicarius Christi hinzukamen.

Ein Blick in zwei Jahrtausende Papst- und Kirchengeschichte zeigt, dass Wahl und Einsetzung der Päpste unterschiedlich stark auch unter dem Einfluss der jeweilig regierenden römischen Könige (Kaiser) standen - von der Konstantinischen Schenkung ganz zu schweigen. Einen Papst gab es in der Jerusalemer Urgemeinde definitiv nicht. Demnach setzte Jesus den Petrus ein und der den Linus als seinen Nachfolger und so fort.

Petrus kam nach Rom und erlitt unter Kaiser Nero im Jahr 64 oder 67 den Märtyrertod. Sein Grab befindet sich unter der heutigen Petersbasilika. Bereits im 3. Jahrhundert strebten die römischen Bischöfe nach einer Vorrangstellung in der Gesamtkirche, mussten aber erkennen, dass sie keinen Primatanspruch durchsetzen konnten. Konstantin der Große ließ sich auf seinem Sterbebett taufen und leitete damit eine Wende ein. Ab jetzt konnte es den römischen Königen nicht gleichgültig sein, und sie mutierten zum wichtigsten Bischofswähler. Sie setzten das Motto «Ein Kaiser, ein Reich, eine Religion, ein Gott» erfolgreich um. Doch knapp zweihundert Jahre später, auf der Synode von 499, sollte der Einfluss der weltlichen Herrscher massiv eingeschränkt werden, jedoch ohne Erfolg. Seit Kaiser Justinian im Jahr 554 Italien zu einer oströmischen Provinz gemacht hatte, unterlagen auch die Päpste der byzantinischen Herrschaft. Das bedeutete, dass ohne die Zustimmung byzantinischer Kaiser niemand mehr den Stuhl Petri besteigen konnte. Doch ab dem 8. Jahrhundert gelang es zunehmend einflussreichen römischen Familien, das Amt des Papstes ihrer Machtpolitik zu unterwerfen. Von 882 (Karl der Dicke) bis 1046 (Heinrich III.), unterbrochen durch Eingriffe der Ottonen, die Päpste ein-und absetzten, besetzte der stadtrömische Adel möglichst mit einem –Mitglied aus dem jeweils eigenen Clan, den Stuhl Petri.

Der kanonisch Gewählte sollte erst dann die Bischofsweihe und danach das Papstamt erhalten, wenn er in Gegenwart des kaiserlichen Gesandten und des Volkes dem Kaiser den Treueid geschworen hatte. Andererseits oblag dem Kaiser der Stratordienst.

Doch Wahlberechtigte, Wahlort, Residenzort der Päpste unterlagen einem steten Wandel aus politischen Gründen, so dass es schon mal drei Päpste zu gleicher Zeit gab. Was es schließlich mit der Papstkrone, der Tiara auf sich hatte oder warum es zur sogenannten Leichensynode kam, erfährt der Leser im spannend geschilderten Kanon der Papstwahl. Zweitausend Jahre Geschichte, verbunden mit dem byzantinischen Reich, mit Westrom, dem Reich der Karolinger, Ottonen, Salier, Staufer, Luxemburger, Habsburger, die Reformation als Umbruch zu einer neuen Zeit, 1806 mit dem Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation bis hin zur Moderne. Doch alle Unbilden dieser Welt überstand das Papsttum bisher. Papst Franziskus tritt als ein moderner und sympathischer Papst ohne Tiara auf und ist umgeben von einem Hauch der Ewigkeit.

Hubert Wolf
Konklave – Die Geheimnisse der Papstwahl.  
220 Seiten, 47 Abbildungen, gebunden,
Hardcover, Schutzumschlag,
Verlag C.H.Beck, 2017,
ISBN 978-3-406-70717-9  
Verkaufspreis: 19,95 EUR